“Heute ist wohl mehr drin“ - Joshuas erster Halbmarathon
Der Moment im Ziel
Es ist Sonntag, der 26. April 2026, 11:45 Uhr, irgendwo in Heidelberg. Joshua kommt über die Ziellinie. Auf der Uhr: 2:10 Stunden. Zwanzig Minuten unter seinem eigenen Zeitziel, fünfzehn Minuten unter meiner Prediction als Coach. Sein erster Halbmarathon. Sein erster Wettkampf überhaupt nach fünf Monaten strukturiertem Training.
Was Joshua im Ziel gemacht hat?
"Ich war enorm stolz und extrem fertig. Meine Energiereserven waren komplett aufgebraucht. Im Ziel habe ich mir zuerst 4 Sportlerweizen reingehauen (das war im Nachhinein bisschen zu viel und ging auf den Magen). Danach zuerst meine Frau und danach dich angerufen."
Vier Sportlerweizen. Anruf bei der Frau, dann beim Coach. Das ist die ehrliche Version eines triumphalen Zieleinlaufs. Genau deshalb erzähle ich Joshuas Geschichte hier. Nicht weil sie spektakulär ist – sondern weil sie zeigt, was möglich ist, wenn jemand mit ein bisschen Mut und einem strukturierten Plan einfach mal anfängt.
November 2025: Wer war Joshua damals?
Als ich mich im November 2025 zum ersten Mal mit Joshua unterhielt, war er 31 Jahre alt, Teamleiter in einem Pharmakonzern, verheiratet und irgendwie unzufrieden. Im Athleten-Fragebogen hatte er bei "Schwächen" einen einzigen Punkt eingetragen: Disziplinlosigkeit beim Sport. Keine Bestzeiten, keine Diagnostik, keine bekannten Leistungswerte. Apple Watch zwar vorhanden, aber nicht in Nutzung.
Auf meine Frage, was ihn zum Coaching gebracht hat, hat er das so beantwortet:
"In meiner Jugend war ich sehr vielseitig sportlich aktiv. Von Judo, über Fußball zu Joggen und Fitnessstudio. Allerdings hatte ich immer etwas mit Gewichtsschwankungen zu kämpfen. Mit 15 habe ich beispielsweise noch 83 kg auf 1,80 m gewogen, mit 17 waren es dann nur noch 65 kg. Während meines Bachelorstudiums ging es dann auch wieder hoch auf 85 kg und im Anschluss wieder runter auf 73. Das Ganze pendelte eigentlich immer im Einklang mit meiner sportlichen Disziplin. Mit dem Start von Corona ist meine Regelmäßigkeit bzgl. sportlicher Aktivitäten komplett eingebrochen und Ende letzten Jahres standen dann gute 87 kg auf der Waage und gleichzeitig habe ich mich so unfit wie noch nie gefühlt. Das war der Punkt, an dem ich für mich entschieden habe wieder aktiv zu werden, dieses Mal aber nachhaltig und mit Konzept."
Es ist dieser eine Satz, der für mich als Coach den Unterschied gemacht hat: dieses Mal aber nachhaltig und mit Konzept. Joshua wollte nicht den schnellen Erfolg. Er wollte raus aus dem Jojo und hatte für sich selbst eine schmerzhafte, aber ehrliche Diagnose gestellt:
"Mir war sofort klar, dass ich intensiven Sport eher als Mittel zum Zweck für mich gesehen und umgesetzt habe – sobald mein Ziel erreicht war, ist die Disziplin eingebrochen. Deshalb wollte ich dieses Mal einen Ansatz wählen, der vor allem die stetige Steigerung der Leistung und das Erreichen immer neuer Ziele in den Fokus stellt."
Genau dafür ist strukturiertes Coaching da. Nicht für einen Sprint, sondern für ein nachhaltiges System.
Die ersten Monate: Wenn der innere Schweinehund verschwindet
Die ersten zwei, drei Monate sind in jedem Coaching die kritischen. Das ist die Phase, in der noch nichts richtig Sichtbares passiert. Die Waage bewegt sich langsam, die Läufe fühlen sich anstrengend an, der Alltag bleibt anstrengend. Genau in dieser Phase steigen die meisten aus, die es alleine versuchen.
Joshua nicht.
"Ja, Disziplinlosigkeit ist mein großes Thema gewesen. Die letzten Jahre ohne Regelmäßigkeit im Sport hatten mich sehr bequem werden lassen und es ist mir über die Jahre immer schwerer gefallen, meinen inneren Schweinehund zu überwinden. Die ersten 2-3 Monate hat das auch noch angehalten, aber als die ersten größeren Erfolge auf der Waage und im Leistungsanstieg zu sehen waren, als auch die zunehmende Ausgeglichenheit im Alltag, hat sich das Ganze umgedreht. Der Sport hilft mir enorm, auch in stressigen Phasen meinen Kopf frei zu bekommen, als auch entspannter und erholsamer durch den Alltag zu gehen."
Das ist der Punkt, an dem Coaching aufhört, ein Verkaufsthema zu sein, und anfängt, sich selbst zu verkaufen. Wenn der Sport vom Schmerz zum Werkzeug wird. Wenn der nächste Lauf am Sonntag nicht mehr "Pflicht" ist, sondern Kopf-frei-Zeit.
Die Hürden: Knieschmerzen, Krankheit, Urlaub
Nichts an Joshuas Vorbereitung war geradlinig. Im Dezember kamen leichte Knieschmerzen und eine Krankheitswoche vor Weihnachten. Im Januar haben wir Mobility präventiv eingebaut. Anfang März dann eine erneute Krankheitswoche. Fünf Wochen vor dem Race eine Woche Urlaub mit kaum Training.
Aus Coach-Sicht waren das alles keine echten Performance-Risiken. Aus Athleten-Sicht fühlt sich das aber jedes Mal an wie ein Rückschritt. Joshuas Strategie dagegen?
"Die Krankheitswochen sind immer sehr ärgerlich, vor allem wenn man sich bis zu diesem Zeitpunkt sehr fit gefühlt hat und die Fortschritte gesehen hat. Was mir persönlich geholfen hat, in Ruhe auskurieren zu können, ohne den Druck zu verspüren, auch angeschlagen zu trainieren, war zu wissen, dass es nach voller Genesung nicht lange dauert, um wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Das gilt natürlich nur, wenn man auch wirklich zu 100 % erholt ist."
Das ist exakt die Einstellung, die wir uns im Coaching erarbeitet haben. Eine kranke Woche ist keine verlorene Woche – sondern Teil der Vorbereitung. Wer angeschlagen weitertrainiert, verliert nicht eine Woche, sondern drei.
Sechs Wochen vor dem Race: Wenn der Coach mehr glaubt als der Athlet
Etwa sechs Wochen vor dem Wettkampf sind wir zum ersten Mal Race Pace gelaufen. Joshua lief Intervalle in Zeiten, die mich aufhorchen ließen. Die Long Runs mit Endbeschleunigung waren ebenfalls stark. Ab diesem Punkt war für mich als Coach klar: der läuft sicher unter 2:30h. Aber Joshua selbst empfand die Einheiten lange als "so lala".
"Die Zweifel kamen vermutlich von fehlender Erfahrung. Meine Zeiten in den Intervallen und Grundlagenläufen haben am Anfang noch sehr stark geschwankt (wohl viel durch falsche Ernährung, wie ich mittlerweile weiß). Ich habe versucht, für mich die Zeiten aus dem Training hochzurechnen, und das wirkte für mich dann immer recht knapp mit den 2:30h. Angefangen, wirklich sicherer zu werden, war so etwa 3-4 Wochen vor dem Lauf. Meine Zeiten wurden bei gleichem Energieaufwand konstant besser und die Schwankungen wurden deutlich geringer. Das hat mir Zuversicht gegeben!"
Genau das ist die Aufgabe von Race-Pace-Einheiten in den letzten Wochen vor einem Wettkampf. Es geht nicht primär um die physiologische Anpassung – die ist längst passiert. Es geht darum, dass der Athlet fühlt und glaubt, was er kann. Vertrauen wird nicht gepredigt, es wird im Training gebaut.
Race Week: Das größte Mysterium und 600 Gramm Kohlenhydrate
Eine Sache, die mich an Joshuas Vorbereitung als Coach beeindruckt hat: Er hat in jedem Call viele Fragen gestellt. Auch Sachen, die für ambitionierte Ausdauerathleten selbstverständlich sind – wie man eine Startnummer bekommt, welcher Laufgürtel der richtige ist, wann genau man die Gels nimmt. Bis eine Woche vor dem Wettkampf hatte er nicht einmal einen Laufgürtel.
Was war für ihn das größte Mysterium?
"Vor allem wollte ich mich möglichst gut vorbereitet fühlen, daher die vielen Fragen. Ich denke, das größte Mysterium für mich war die Frage: Was ist meine eigene Leistungsgrenze – die konnte ich vorher überhaupt nicht einschätzen. Da mir klar war, dass diese Frage auch bis zum Wettkampf offen bleiben wird, wollte ich ansonsten an möglichst alles gedacht haben."
Die eine Frage, die ihm wirklich Bauchgrummeln gemacht hat, war nicht beantwortbar. Also hat er alles andere kontrolliert. Inklusive dem Carb-Loading. Zwei Tage vor dem Rennen 600 bis 700 Gramm Kohlenhydrate pro Tag, mind. 3 Liter Wasser, kein Vollkorn, kein Fett, wenig Eiweiß. Für jemanden, der normalerweise ernährungstechnisch unstrukturiert unterwegs ist, eine echte Herausforderung.
"Das war wirklich herausfordernd, vor allem da ich kein Fan von Pasta mit Tomatensoße bin. Dank Gummibärchen und Toast mit Honig hat es dann doch einigermaßen gepasst. Am Sonntag Morgen habe ich erstmal keinen großen Unterschied zu sonst gemerkt, beim Laufen dafür aber umso deutlicher. Kaum Energieabfall in den ersten 15 km trotz Höhenmetern. Den Unterschied konnte ich bei vielen anderen sehen. Viele sind am ersten Berg der Strecke schon verzweifelt (wohl auch bedingt durch fehlende Energiereserven ;))"
Das ist eines der unterschätztesten Themen im Anfänger-Bereich. Carb-Loading ist kein Hype, sondern Physiologie. Die Glykogenspeicher in Muskeln und Leber sind bei einem normal essenden Hobbyathleten relativ schnell aufgebraucht – je nach Intensität reichen sie für 60 bis 90 Minuten intensives Laufen. Bei einem Halbmarathon mit Anstiegen wird das knapp. Mit gezieltem Carb-Loading in den 1-2 Tagen vor dem Wettkampf lassen sich diese Speicher nahezu maximal auffüllen. Joshua hat den Effekt am eigenen Leib gespürt, während andere Läufer um ihn herum am ersten Berg eingegangen sind.
Race-Day: Der Moment, in dem alles klar wurde
Heidelberg ist kein flacher Halbmarathon. Zwei Anstiege mit etwa 130 Höhenmeter, zusammen 260 Höhenmeter auf 21,1 km. Wir hatten eine sehr klare Pacing-Strategie: kontrollierter Start auf den flachen ersten 6,5 km, im ersten Berg kontrolliert mit hoher Herzfrequenz, im welligen Mittelstück die Pace mitnehmen, im zweiten Berg pushen, die letzten 3 km all out.
Joshua hat sich exakt daran gehalten – und war auf jedem Abschnitt schneller als geplant, weil seine Herzfrequenz mitgespielt hat. Aber den Schlüsselmoment hat er selbst beschrieben:
"Der wichtigste Augenblick für mich war bei ca. der Hälfte der Strecke. Ich hatte von Beginn an versucht, bei den 2:15 Pacemakern mitzulaufen, um mir zu Beginn einen Sicherheitspuffer zu erarbeiten. Das ist mir gefühlstechnisch die ersten Kilometer echt schwer gefallen, und ich war mir sicher, dass ich das Tempo nicht durchgehend halten kann. Am ersten Berg hatten sie mich leicht auf 50-100 m abgehangen. Als ich oben am Berg angekommen war und gemerkt habe, dass ich bei verhältnismäßig gutem Energieaufwand gegenüber den 2:15er Pacemakern aufholen kann und diese auch recht deutlich überholen konnte, war das der Augenblick, als ich gemerkt habe: Ok, heute ist wohl mehr drin!"
Genau das ist der Moment, auf den fünf Monate Training hinarbeiten. Nicht der Zieleinlauf. Sondern der Punkt im Rennen, an dem ein Athlet zum ersten Mal selbst spürt, dass er mehr kann, als er gedacht hat.
Und dann gab es auf den letzten Kilometern noch eine andere Sache, die ihm Power gegeben hat:
"Der Moment, der mich im letzten Drittel nochmal enorm gepushed hat, war, meinen Coach als Überraschung an der Seite stehen zu sehen und mich anzufeuern."
Das war kein Zufall. Das war der Plan.
Aftermath: Was der Halbmarathon mit Joshua gemacht hat
Auf meine Frage, was sich neben den reinen Lauf-Skills bei ihm verändert hat, kam die Antwort, die für mich der Kern der ganzen Geschichte ist:
"Es klingt fast klischeehaft, aber die Disziplin der Vorbereitung ist in mein gesamtes Leben übergeschwappt. Ich bin nicht mehr nur auf der Laufstrecke konsequent, sondern in sämtlichen Facetten meines Alltags. Ich fühle mich heute wesentlich sortierter und klarer im Kopf. Neben dem offensichtlichen Plus an Agilität und Fitness hat sich vor allem mein Verhältnis zu mir selbst gewandelt. Ich fühle mich spürbar 'leichter' – und damit meine ich nicht nur das Gewicht auf der Waage. Das Beste daran? Ich habe wieder diesen gesunden Hunger zurückgewonnen. Anstatt mich vor Druck zu ducken, suche ich mir heute wieder aktiv Herausforderungen, an denen ich wachsen kann."
Das ist das Versprechen, das ich neuen Athleten in Erstgesprächen nicht mache, weil es viel zu groß klingt. Aber genau das ist das, was strukturiertes Ausdauertraining mit Menschen macht, wenn es funktioniert. Es verändert nicht nur den Körper. Es verändert das Verhältnis zu sich selbst.
Die Coach-Lesson: Consistency is key
Was Leser aus Joshuas Geschichte mitnehmen können, wenn sie selbst gerade an ihrem ersten Halbmarathon stehen oder darüber nachdenken:
Es waren keine Killer-Sessions, die Joshuas 2:10h ermöglicht haben. Es war das genaue Gegenteil. Den größten Teil unseres Trainings haben wir in Zone 2 absolviert – also so locker, dass man sich nebenbei unterhalten kann. Wenige VO2max-Sessions, und die nur auf dem Indoor Bike, um die Gelenke zu schonen. Und in den letzten vier Wochen viel Race Pace, damit Joshua wusste und sich selbst zutraute, was er kann.
Konsistenz schlägt Intensität. Das ist die wichtigste Lektion aus dieser Vorbereitung, und sie gilt für 90 % aller Ausdauerathleten, die ich im Coaching begleite. Nicht das eine krasse Workout macht den Unterschied – sondern dass du Woche für Woche, Monat für Monat dranbleibst. Auch in den langweiligen Wochen.
Und genau dafür hilft ein Coach: Nicht, weil er bessere Workouts kennt. Sondern, weil er dafür sorgt, dass die unspektakulären Wochen durchgezogen werden.
Du stehst vor deinem ersten Halbmarathon und überlegst, ob du das Ganze strukturiert angehen möchtest? Oder du bist wie Joshua im November 2025 - unfit, unsicher, aber mit dem klaren Gefühl, dass es Zeit ist, etwas zu ändern?
Dann lass uns reden. Ein kostenloses 30-minütiges Erstgespräch klärt, ob Coaching der richtige Weg für dich ist.
Über den Autor
Lukas Meffert ist Ausdauer-Coach aus Wiesbaden und Gründer von Gorilla Training. Er betreut Athleten in Running, Cycling und Triathlon in der Region Rhein-Main sowie remote in ganz Deutschland. Sein Coaching-Ansatz folgt wissenschaftlichen Prinzipien: bipolare Trainingssteuerung, Langfristigkeit, ehrliches Erwartungsmanagement statt motivationaler Versprechen. Schritt für Schritt, Grenzen verschieben.

