Drei Halbmarathons, drei Geschichten
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Drei Halbmarathons zwischen Juli und Oktober 2026, gelaufen von Thomas, 55 Jahre alt, seit März 2025 im Ausdauersport unterwegs. Auf dem Papier liegt fast eine Viertelstunde zwischen dem ersten und dem letzten Rennen. Ehrlich gerechnet ist es weniger: Das erste Rennen war ein Hitzerennen und lag deutlich über seiner damaligen Halbmarathon-Bestzeit von 1:58. Gemessen daran hat Thomas sich in dieser Saison um gut fünf Minuten verbessert. Das ist die eigentliche Zahl.
Ganz so gerade war der Weg nicht. Wir sind mitten in der Saison eingestiegen. Das erste Rennen lief unter klimatisch erschwerten Bedingungen deutlich langsamer als geplant. Und eine Trainingswoche im Sommer hat Thomas so tief in den Keller geschickt, dass im Long Run danach „alles zu“ war. Diese Geschichte erzählt, was zwischen den drei Zielzeiten passiert ist – und warum Thomas nach seiner neuen Bestzeit einen Satz sagen kann:
„Ich glaube, da geht noch mehr.“
Juni 2026: Ein Coach als Bremse
Als wir am 22. Juni 2026 gestartet sind, war Thomas kein Einsteiger. Seit März 2025 hatte er sich in Eigenregie eine solide Basis erarbeitet. Im Frühjahr ist er teils über 130 Kilometer im Monat gelaufen, kurz vorher beim Taunussteiner Waldlauf eine neue Bestzeit über 15 Kilometer. Dazu ein Hintergrund, den kaum ein Athlet mitbringt: Thomas ist ausgebildeter Diplomsportlehrer und Physiotherapeut. Er kennt Trainingslehre, er kennt seinen Körper. Seine Pläne hatte er sich bis dahin selbst geschrieben, mit eigenem Fachwissen und KI-Unterstützung.
Warum also ein Coach? Seine Antwort ist ehrlicher, als man sie oft hört:
„Max hatte von deiner Arbeit und deiner Art, wie du es machst, geschwärmt. Und da ich mich kenne und wusste, dass ich wahrscheinlich viel zu hart trainiere und über das Ziel hinausschieße, mich vielleicht sogar schädigen könnte, war das ganz klar der ausschlaggebende Punkt. Ich brauchte jemanden, der mir kompetent den Rahmen vorgibt.“
Max trainiert selbst bei mir – seine Geschichte vom Taunussteiner Waldlauf steht hier im Blog.
Im Startfragebogen hat Thomas seine größte Stärke und seine größte Schwäche fast mit demselben Wort beschrieben: Biss und Übereifer. Im Startgespräch habe ich ihm deshalb gesagt, was er von mir bekommt: Struktur und eine Bremse, keinen Antrieb. Motivation musste ich bei ihm nie liefern. Meine Aufgabe war, sie zu kanalisieren.
Dazu kam eine planerische Herausforderung: Zwei hügelige Halbmarathons standen schon fest im Kalender, der Rieslinglauf Ende Juli und der Hochheimer Weinbergslauf Anfang September. Eine Saisonplanung gab es nicht, und für einen sauberen Aufbau fehlte die Zeit. Ich musste also rückwärts planen und das Beste aus einer bereits laufenden Saison machen: erst Schwellentraining, dann ein vorsichtig dosierter VO2max-light-Block zur Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme, zum Schluss ein flacher Herbst-Halbmarathon als eigentliches Bestzeit-Rennen. So kam der Offenbacher Mainuferlauf am 11. Oktober in den Plan.
Lernen, langsam zu laufen
Die erste Hürde war nicht das harte, sondern das lockere Training.
„Vor allem musste ich erst einmal lernen, dass es eben nicht darum geht, ständig an der aerob-anaeroben Schwelle zu rennen, sondern auch mal locker zu laufen. Das ist dann schon ein gewisser Erdrutsch – eine Vollbremsung. Umso schöner ist es, zu sehen, dass sich genau dadurch die Leistungsfähigkeit massiv und sehr schnell entwickelt hat.“
Bis dahin hatte Thomas seine Herzfrequenz über die Faustformel „220 minus Lebensalter“ gesteuert. Bei ihm ergab das 165 Schläge pro Minute als Maximalwert – seine Uhr schätzte rund 195. Als Anker waren beide Zahlen unbrauchbar. In der ersten Woche haben wir deshalb einen 30-minütigen Schwellentest gemacht und seine Schwellenherzfrequenz bestimmt. Dieser eine Wert hat die ganze Saison getragen. Wie gut er passte, zeigte sich am Saisonende: Seine beiden Halbmarathon-Bestzeiten lief Thomas im Schnitt mit 158 Schlägen pro Minute, knapp unter der im Test bestimmten Schwelle von 161. Warum ein gemessener Anker so viel mehr wert ist als eine Formel, steht im Artikel zu Herzfrequenzzonen im Ausdauertraining.
Der Anker hatte einen Nebeneffekt, der für Thomas wichtiger war als jede Zone: Die Herzfrequenz wurde zu der Bremse, die er selbst nicht gezogen hätte. Schon im ersten Schwellenblock nahm Thomas in den Intervallen das Tempo zurück, sobald der Puls über die vereinbarte Grenze stieg – „kein falsches Ego“, wie er selbst schrieb. Und die lockeren Läufe wurden wirklich locker. Bei Thomas haben wir pyramidal trainiert: viel locker, ein spürbarer Anteil im Schwellenbereich, wenig ganz hart. Gerade bei dieser Verteilung entscheidet sich viel an den lockeren Tagen. Bleiben sie nicht wirklich locker, verschwimmt alles im mittleren Bereich, und die Qualität der harten Einheiten leidet.
Rieslinglauf: Gutes Rennen, schlechte Zeit
Dann das erste Rennen der Saison nach fünf Wochen Coaching. Rieslinglauf am 26. Juli, Halbmarathon, rund 190 Höhenmeter, bewusst als Rennen aus dem vollen Training heraus geplant. Endzeit: 2:07:08 – fast sieben Minuten langsamer als im Vorjahr, damals mit schlechterer Vorbereitung.
Ehrlich gesagt hat mich das Ergebnis erst einmal geschlaucht. Das Rennen war taktisch sauber, die Vorbereitung besser als im Vorjahr, und trotzdem stand eine deutlich langsamere Zeit auf der Uhr. Ich konnte es mir zunächst nicht erklären. Die Antwort fand ich erst in der Ergebnisliste.
Was die Endzeit nicht zeigt: 27 Grad beim Start, kein Schatten, trockene Luft. Wie stark Wärme die Leistung auf langen Strecken drückt, ist gut untersucht: Mit steigender Temperatur werden Laufzeiten fortschreitend langsamer und Läufer abseits der Spitze trifft es dabei stärker als die Elite (Ely et al., 2007). Beim Rieslinglauf war das direkt im Feld ablesbar: Die mittlere Zielzeit lag rund neun Minuten über dem Vorjahr. Nicht Thomas war langsam. Die Bedingungen haben das ganze Feld ausgebremst.
Das Pacing in der ersten Runde war mustergültig, streng nach Puls. In der zweiten Runde drückte er wie geplant bergauf. Auf den Flachstücken danach fehlte die Kraft, das Tempo zu halten.
„Klar war die Enttäuschung groß, und dennoch habe ich sehr schnell das Positive daraus gezogen. Aufgrund der Witterung waren alle langsamer – abzüglich der durchschnittlichen Verlangsamung war ich eigentlich zwei Minuten schneller als im Jahr zuvor ;-) Es gibt einfach Faktoren, auf die ich keinen Einfluss habe. Das gilt es wegzustecken und weiterzumachen.“
Für mich als Coach war das Rennen trotzdem wertvoll, weil es die eigentliche Baustelle der Saison sichtbar gemacht hat: Sein Halbmarathon-Tempo konnte Thomas zehn bis zwölf Kilometer halten. Danach kam der Einbruch – und zwar muskulär, nicht vom Herz-Kreislauf-System her.
Die Woche, in der alles zu viel war
Genau daran sollte der nächste Block arbeiten. Und genau dabei ist mir ein Fehler passiert.
In einer einzigen Woche kamen drei neue Reize zusammen: Krafttraining sollte die Beine widerstandsfähiger machen, damit sie hinten raus nicht zumachen. Bergintervalle sollten die maximale Sauerstoffaufnahme verbessern, mit deutlich weniger Stoßbelastung als schnelle Intervalle auf der Bahn und gleichzeitig Kraftausdauer für das nächste hügelige Rennen aufbauen. Die Endbeschleunigung im Long Run sollte genau das trainieren, was beim Rieslinglauf gefehlt hatte: Tempo halten auf müden Beinen. Der Plan dahinter war schlüssig. Das Problem war aber nicht der Inhalt, sondern das Timing: Alle drei Reize kamen in derselben Woche.
Die Bergintervalle bewertete Thomas mit 10 von 10 auf der RPE-Skala, also dem subjektiven Anstrengungsempfinden – maximal, obwohl sie kontrolliert hart sein sollten. Rückblickend hat er selbst erkannt, dass er am Berg zu schnell angegangen ist. Am Sonntag im Long Run war dann „alles zu“, die Beine kamen gar nicht erst ins Tempo.
„Die Belastung in dieser Woche zeigte mir, wo meine Grenzen sind und welche Belastung auf welche Fähigkeiten einen Einfluss hat. Das wird mich bei meinen weiteren Einheiten kontrollierter und vorausschauender die Belastungen angehen lassen – eben nicht mit Vollgas.“
Die naheliegende Reaktion wäre gewesen, in der Folgewoche planmäßig zu steigern. Wir haben das Gegenteil gemacht: das Krafttraining raus und dieselben Laufeinheiten noch einmal, diesmal kontrolliert angegangen. Die Bergintervalle liefen komplett durch, gleichmäßig, ohne Einbruch. Der Long Run danach war einer seiner stärksten der Saison, mit einer sauberen Endbeschleunigung mitten im hügeligen Gelände. Typisch Thomas: Kaum waren die Bergintervalle am Donnerstag gelungen, kam die Nachricht, ob wir den Long Run am Sonntag nicht doch verlängern sollten. Meine Antwort war: Nein. Genau dafür war ich da.
„Mein Kommentar war ja: Geht doch! Es war die Bestätigung und die Gewissheit, dass es funktioniert, dass der Körper den Reiz verarbeitet hat. Ein gutes Gefühl, das Sicherheit und Vertrauen schafft.“
Zwei Lehren aus dieser Woche gelten für fast jeden ambitionierten Ausdauerathleten: Neue Reize kommen einzeln, nicht im Paket. Und wenn eine Woche zu viel war, ist Wiederholen oft der sinnvollere Weg als Steigern.
Eine zweite Konsequenz haben wir gemeinsam gezogen: Krafttraining raus, Yoga rein. Thomas macht seit Jahren Yoga und hat damit gute Erfahrungen – Beweglichkeit und Entlastung statt zusätzlicher Last auf ohnehin müden Beinen. Das Krafttraining kam erst nach Hochheim zurück, bewusst fast ohne Gewicht und als Übungen für die neuromuskuläre Ansteuerung.
Tempo halten, wenn die Beine müde werden
Die Baustelle aus dem Rieslinglauf hat in der Trainingswissenschaft einen Namen: Durability. Gemeint ist, wie früh und wie stark die Leistungsfähigkeit unter anhaltender Belastung nachlässt (Maunder et al., 2021). Zwei Läufer können frisch gleich schnell sein – im Halbmarathon entscheidet aber, wer das Tempo auch nach 15 Kilometern noch hält.
Trainiert haben wir das vor allem über Endbeschleunigungen im Long Run: erst lange locker, dann ein klar definierter Schlussabschnitt im Renntempo, auf bereits müden Beinen. Der Schlüsselmoment kam bei einem langen GORILLA-TRAINING-Gruppenlauf am Rhein, bei dem Thomas eigentlich als Pacer für Joshua lief: knapp 19 Kilometer, ein großer Teil davon im Schwellenbereich – und ganz am Ende noch eine saubere, schnelle Viertelstunde.
„Ich habe heute noch das Pace-Gefühl des Gruppenlaufs als Benchmark für meine individuellen Läufe parat und kann es relativ gut abrufen. Gefühlt und auch tatsächlich hat sich einfach meine Grundgeschwindigkeit verändert und verbessert. Genau daran möchte ich weiterarbeiten.“
Hochheim: Bestzeit auf dem falschen Terrain
Sechs Wochen nach dem Rieslinglauf stand Thomas am 6. September beim Hochheimer Weinbergslauf am Start – wieder hügelig, wieder keine klassische Bestzeit-Strecke. Der Plan war diesmal ein anderer: in der ersten Runde zügig anlaufen und einen Puffer aufbauen, in der zweiten Runde halten statt beschleunigen zu müssen.
Der Plan ging auf. 1:55:18h – neue persönliche Bestzeit, Platz 3 in seiner Altersklasse. Sein Kommentar direkt nach dem Rennen: „Gerockt und rasiert.“
„Der Tag war mehr als nur das Ergebnis eines gut gesteuerten Trainings. Ich wusste bereits nach dem ersten Kilometer, dass es richtig gut werden könnte, weil ich auf meine Kompetenz vertrauen und jederzeit das Tempo und meine Leistungsfähigkeit steuern konnte. Das Wissen, dass im Ziel meine Familie, Freunde, Coach und Supporter auf mich warten, war ein riesiger Energiegeber und trug mich durch das ganze Rennen. Ein Rennen, das noch Tage danach ein Hochgefühl in mir auslöste.“
Fast drei Minuten unter seiner alten Bestzeit und nach dem Rieslinglauf auch die Bestätigung, dass die Zielzeit dort nicht aussagekräftig war. Das Herz-Kreislauf-System war im ganzen Rennen kein Thema. Was spät im Rennen wieder nachließ, waren die Beine. Damit war klar, woran der letzte Block arbeiten musste.
Der geeichte Tempomat
Über den Sommer hatte sich bei Thomas etwas Grundlegendes verändert. Am Anfang lief er fast ausschließlich nach der Uhr. Irgendwann schrieb er nach einer Einheit, sein „Tempomat“ sei langsam geeicht: Tempo, Puls und Anstrengungsgefühl passten zusammen.
„Es entsteht mehr Raum, gelassener auf die eigene Leistungsfähigkeit zu vertrauen, auch in Situationen, in denen es vielleicht nicht so gut läuft. Registrieren, gelassen akzeptieren und weitermachen, ohne sich zu überfordern.“
Diese Gelassenheit ist für mich eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Saison. Wer nur der Uhr vertraut, verliert in jedem schwächeren Moment das Vertrauen ins ganze Rennen. Wer Tempo, Puls und Gefühl zusammenbringt, kann einen schlechten Kilometer einordnen – und weiterlaufen.
Offenbach: Halbmarathon-Pacing nach Plan
Als wir in das Coaching gestartet sind, war Hochheim sein wichtigstes Rennen, Offenbach kam erst später als Idee dazu. Fünf Wochen Fokus nach so einem Hochgefühl – war das schwer?
„Das war nicht schwer, weil ich nach Hochheim gemerkt habe, was auf einer geraden Strecke noch gehen kann. Das wollte ich wissen.“
Im letzten Block kam das Krafttraining zurück, diesmal als einziger neuer Reiz. In den Läufen danach war davon nichts Negatives zu spüren. Die Schwelleneinheiten liefen so gut wie nie: fünfmal zwei Kilometer auf der Bahn, sein Kommentar: „Einfach genial.“ Eine Woche später 25 Minuten im Renntempo bei erstaunlich niedrigem Puls – die stärkste Einheit des ganzen Blocks.
Athlet und Fachmann: In der Woche vor dem Rennen meldete sich die Achillessehne – bergauf unter Belastung, in der Ebene nicht. Für viele Athleten wäre das kurz vor dem wichtigsten Rennen des Jahres ein Grund zur Panik. Thomas hat es mit dem Blick des Physiotherapeuten gelesen:
„Das Fachwissen war Gold wert, weil ich die Ursache nicht in der Sehne gesucht habe, sondern in der Kette. Meine hintere Oberschenkelmuskulatur und mein rechtes Iliosakralgelenk waren das Problem, die Sehne nur das Symptom. Ich habe sofort meine Baustellen vorsichtig bearbeitet – das war wirklich eine Gratwanderung – und die Sehne lokal behandelt. Interessant war auch, dass ich während des Laufens meine Technik geringfügig anpassen konnte, um sie zu entlasten.“
Auf der flachen Strecke in Offenbach war die Sehne kein Thema. Ein wichtiger Hinweis für alle, die nicht vom Fach sind: Diese Selbsteinschätzung funktioniert bei Thomas, weil er als ausgebildeter Physiotherapeut genau weiß, was er tut. Für alle anderen gilt: Sehnenbeschwerden gehören ärztlich oder physiotherapeutisch abgeklärt. Und zwar bevor du weitertrainierst, nicht erst, wenn es schlimmer wird.
Verpflegung als Lernkurve: Beim Rieslinglauf: Trinkweste, Hitze, das Gefühl, ständig trinken zu müssen. In Offenbach: eingespieltes Carb-Loading in den Tagen davor, deutlich mehr Flüssigkeit, Salz im Wasser, vier Gels und zusätzlich Iso an den Verpflegungsstellen. Das Salz, sagt Thomas, war „Gold wert“.
„Überhaupt die Erkenntnis, dass gutes Fueling seine Berechtigung hat und wichtig ist – sonst bekommst du es mit Krämpfen und Co. zu tun. Das habe ich früher nie gespürt, weil ich derart lange, intensive Belastungen auch nicht hatte.“
Wie viele Kohlenhydrate du im Wettkampf wirklich brauchst und wie du das umsetzt, steht im Artikel zum Race Day Fueling.
Der kontrollierte Abfall: Der Rennplan in Offenbach war ungewöhnlich präzise: am Anfang zügig, aber auf keinen Fall schneller als vereinbart – und dann bewusst, Minute für Minute, ein paar Sekunden pro Kilometer abgeben. Ohne dass es sich wie ein Einbruch anfühlt, weil es genau so geplant war.
„War geil. Schön zu wissen, wenn man seinen Tempomat wirklich nach Plan einstellen kann. Der Rückweg war dann ein wenig hart – meine muskuläre Situation hat mich herausgefordert und für einen mentalen Hänger gesorgt, der Gegenwind tat sein Übriges.“
Fünf Kilometer im Kopf: Zwischen Kilometer 13 und 18 kam der schwerste Abschnitt. Die Kilometer wurden langsamer, Thomas beschreibt es selbst als mentalen Einbruch. Was er dagegen getan hat, bekomme ich so konkret selten von einem Athleten beschrieben:
„Ich habe sofort das Jammern unterbrochen, das sich breitmachen wollte. Ich musste mein Gehirn beschäftigen, sodass keine Zeit und kein Arbeitsspeicher für Schmerzwahrnehmung übrig blieb: Armschwung einsetzen, schnellere Schrittfrequenz, bewusst mit dem Vorfuß unter dem Körperschwerpunkt aufsetzen, lockeres Sprunggelenk mit Zug nach hinten. Das lief ständig in meinem Kopf ab und brachte mich aus dem Hänger wieder raus. Bis ich merkte: Okay, die Pace passt wieder. Wo war das Ziel doch gleich? Ab geht's.“
Statt gegen die Müdigkeit anzukämpfen, hat Thomas seinem Kopf eine Aufgabe gegeben. Konkrete Technik-Hinweise statt Durchhalteparolen – das funktioniert auch für Läufer, die keine Sportlehrer sind.
Endzeit: 1:52:35h. Neue Bestzeit, mehr als fünf Minuten schneller als seine Bestmarke zu Saisonbeginn. Die zweite Rennhälfte war nur wenige Sekunden pro Kilometer langsamer als die erste – über 21 Kilometer ist das sehr gleichmäßig gelaufen.
Krönung statt Versagen
Eine Zahl hatte Thomas während des Rennens kurz im Kopf: die 1:50.
„Die 1:50 war während des Rennens mal kurz in meinem Kopf aufgetaucht, weil ich durchgerechnet hatte, wo ich mit konstantem Tempo landen könnte. Es passte nur nicht zur zweiten Hälfte, also habe ich mich schnell wieder auf das eigentliche Ziel fokussiert: besser als 1:55 in Hochheim. Die 1:50 passte noch nicht zu meiner muskulären Leistungsfähigkeit, das habe ich einfach schnell akzeptiert. Daher fühlte es sich auch nicht als Versagen an, sondern als Krönung.“
Das deckt sich mit meiner Auswertung. Über zwölf Kilometer ist Thomas bereits ein Tempo gelaufen, das hochgerechnet für eine Zeit unter 1:50 reichen würde. Gefehlt hat nicht Grundschnelligkeit, sondern die Fähigkeit, dieses Tempo über die volle Distanz zu halten – in allen drei Rennen machten hinten raus die Beine zu. Genau das ist die Aufgabe für den Winter.
Was Wissen und KI nicht ersetzen
Thomas hatte vor unserer Zusammenarbeit Fachwissen und KI-Unterstützung. Ich wollte wissen, was ihm ein Coach gegeben hat, das ihm weder sein Fachwissen noch die KI geben konnten.
„Ich hatte nicht alle Informationen. KI hat nicht die Lauferfahrung und wird sie nie haben – ich habe jedenfalls noch keine KI laufen sehen. KI arbeitet statistisch, und so waren auch die Pläne geschrieben: einfach mal eben eine schnellere Pace hinschreiben, ohne die bisherige Performance wirklich zu berücksichtigen. Die Rahmenbedingungen, die man durch Erfahrung entwickelt, hatte ich eben nicht zur Verfügung.“
Ich nutze selbst KI in meiner Arbeit und halte sie für ein gutes Werkzeug. Thomas' Punkt trifft trotzdem den Kern: Ein Plan ist nur so gut wie der Kontext, auf dem er beruht. Dass seine Leistung in der vierten Steigerungswoche regelmäßig kippt, dass er bei neuen Reizen zum Überziehen neigt, dass er zwischen Schlüsseleinheit und Long Run mehr Abstand braucht – das steht in keinem Datensatz. Das entsteht im Austausch zwischen Coach und Athlet, Woche für Woche.
Laufen ab 50: Warum Bestzeiten noch drin sind
Mit 55 Jahren zwei Halbmarathon-Bestzeiten in fünf Wochen. Viele in seinem Alter glauben, die Zeit für Bestzeiten sei vorbei. Thomas sieht das differenzierter:
„Das Alter kann man nicht austricksen, und ja, es gibt physiologische Grenzen. Nur bin ich noch nicht an diesen Grenzen angekommen. Ich laufe doch erst seit zwei Jahren systematisch. Andere rennen in meinem Alter schon mindestens vierzig Jahre durch die Gegend. Deswegen geht's weiter, Schritt für Schritt, um die Grenzen zu verschieben – und zwar so, dass ich mir nicht unnötig wehtue.“
Die Forschung stützt beide Hälften dieser Aussage. Die Ausdauerleistung im Laufen bleibt etwa bis Mitte 30 stabil, nimmt bis zum Alter von 50 bis 60 Jahren moderat ab und sinkt danach deutlich schneller (Tanaka & Seals, 2008). Diese Kurven beschreiben aber vor allem Athleten, die seit Jahrzehnten trainieren. Thomas ist der erste Athlet in diesem Alter, den ich betreue – aus einem Fall leite ich keine Regel ab. Was seine Saison aber zeigt: Wer spät einsteigt, hat ein junges Trainingsalter und damit Entwicklungsspielraum, den diese Kurven nicht abbilden.
Worauf es dabei ankommt, zeigt seine Saison: Belastung dosieren statt maximieren, Erholung ernst nehmen, Kraft von Anfang an konsequent trainieren – und neue Reize einzeln einführen.
Die Learnings aus seiner Saison
1. Biss braucht eine Bremse. Motivation war nie Thomas' Problem. Fortschritt kam dadurch, dass lockere Läufe locker blieben und neue Reize dosiert kamen.
2. Ein Rennen ist kein Urteil. Der Rieslinglauf war bei 27 Grad ein gutes Rennen mit einer schlechten Zeit. Wer ihn nur an der Uhr misst, zieht die falschen Schlüsse.
3. Wiederholen schlägt Steigern, wenn es zu viel war. Fortschritt entsteht nicht im Training selbst, sondern in der Erholung danach. Wer auf eine Überlastung mit noch mehr Reiz antwortet, stapelt Ermüdung, statt sich zu verbessern.
4. Der Limiter bestimmt die Richtung. Thomas fehlt nicht Schnelligkeit, sondern die Fähigkeit, sein Tempo bis ins Ziel zu halten. Darauf richtet sich der Winter aus – nicht auf noch schnellere Intervalle. Warum die Reihenfolge der Trainingsreize so wichtig ist, steht im Artikel zur Periodisierung im Ausdauertraining.
Der stärkere Motor
Den Winter will er anders gestalten als im letzten Jahr: systematisch an einem „stärkeren Motor“ arbeiten. Mehr lockeres Grundlagenvolumen, Krafttraining mit echter Last für die hintere Kette und die Achillessehne – und erst danach wieder Tempo.
Für 2027 hat Thomas klare Prioritäten:
„Athletik, Volumen und die Pace nach vorne bringen. Die 1:50 knacken ist Priorität A – und den Marathon gut durchlaufen (…). Auf der Kurzdistanz mal Triathlon ausprobieren würde mich reizen, nur dafür brauche ich erst mal ein Fahrrad.“
Nach dem Interview schrieb mir Thomas, er habe gerade anderthalb Stunden reflektiert wie ein Großer und sei gespannt, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Mein wichtigster: Thomas hat in seiner ersten Saison mit Coach nicht nur gelernt, schneller zu laufen, sondern auch sich selbst besser zu steuern. Und er hat recht. Da geht noch mehr.
Du bist über 50, läufst noch nicht lange strukturiert und willst wissen, wie weit du noch kommst? Oder du kennst das Gefühl, im Training eher zu viel als zu wenig zu machen? Dann lass uns reden.
In einem kostenlosen 30-minütigen Erstgespräch klären wir, ob Coaching der passende Weg für dich ist.
Über den Autor
Lukas Meffert ist Ausdauer-Coach aus Wiesbaden und Gründer von Gorilla Training. Er betreut Athleten in Running, Cycling und Triathlon in der Region Rhein-Main sowie remote in ganz Deutschland. Sein Coaching-Ansatz folgt wissenschaftlichen Prinzipien: individuelle, datenbasierte Trainingssteuerung, Langfristigkeit und ehrliches Erwartungsmanagement statt motivationaler Versprechen. Schritt für Schritt, Grenzen verschieben.

